Schallspuren

U. Somma Radioszene 1990er
Udo Somma, Mitarbeiter im Medienzentrum der Stadt Wien, über die kleine Radioszene zu Beginn der 1990er Jahren jenseits des ORF
U. Somma über Kooperationen
Udo Somma, Mitarbeiter im Medienzentrum der Stadt Wien, über Kooperationen mit der VHS Stöbergasse und dem Sender 1476 in den 1990er Jahren
Wieser: Persönlicher Gewinn
Regine Wieser, ehemalige Radiopiratin bei der Sendung Sisters in Voice über die gewonnen Einsichten und ihr Empowerment durch die Radioarbeit
P. Kaminski Stärken ORANGE94.0
Pawel Kaminski, Mitarbeiter bei ORANGE 94.0, über die Kompetenzen des Freien Radios bei der Integration von marginalisierten Gruppen und bei der Anwendung von Freier Software
S. Moser Kommunikationsmittel
Sibylle Moser, Geschäftsführerin von ORANGE 94.0 über die Bedeutung von Freiem Radio als Kommunikationswerkzeug

Radio ist, technisch gesehen, ein einfaches, schnelles Medium, das jede_r machen kann. Das war von Anfang an eine Grundprämisse in der Ausbildung bei ORANGE 94.0. Schon lange vor Sendestart wurden von einer Gruppe von (ehemaligen) Radioaktivist_innen Radiowerkstätten veranstaltet, bei denen mit sehr einfachem Equipment erste praktische Radioerfahrungen gesammelt werden konnten. Ab Mitte der 90er Jahre wurde dieses Know-How im „Streikradio“ im AudiMax der Universität Wien und in „Jugendcamp-Radios“ und „Radio Dschumsen“ (informelle Feedbacktreffen) umgesetzt.

Schon damals wurden Methoden entwickelt das Radiohandwerk in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln und direkt auszuführen. Radio als Medium der Multiplikation, damit nicht über Ereignisse berichtet wird, sondern von den Protagonist_innen der Ereignisse selbst.

Kooperationen

In den Zeiten der Gründungsphase von ORANGE 94.0 war Austausch besonders wichtig, um nicht im Neuland der Medienpädagogik viele leere Kilometer zu machen und das Rad neu zu erfinden. Gleichzeitig wurde versucht offen zu sein für Experimente und man blieb dem DIY Prinzip immer treu. Die Kontakte wurden über nicht-kommerzielle Radiodachverbände wie AMARC Europe oder FERL geknüpft oder stammten noch aus der Radiopirat_innen-Phase. In gemeinsamen medienpädagogischen Projekten auf europäischer Ebene wurden Methoden der „kuratierten Partizipation“ entwickelt und ausgetauscht. Auf den von AMARC Europe veranstalteten Konferenzen trafen sich bis zu 100 Radiomenschen aus dem Nicht-kommerziellen Sektor und diskutierten die Möglichkeiten eines möglichst barrierefreien, offenen Zugangs zum Radio Machen. In späterer Folge wurde in diesen Projektzusammenhängen die Frage der „train the trainers“ immer wichtiger und ORANGE 94.0 konnte mit dem Projekt META-Europe erstmals ein eigenes Trainer_innen Ausbildungsprogramm verwirklichen.

Ausbildung

Mit dem Sendestart 1998 begann eine besondere Herausforderung im Ausbildungssektor, da von einem sehr kleinen Team zwei große Aufgaben bewältigt werden mussten. Erstens der Ansturm auf Sendezeit, es hieß in kurzer Zeit eine dreistellige Zahl von Menschen mit dem Umgang der Technik, des Medienrechts und dem Umgang mit einer Zuhörer_innenschaft vertraut zu machen und zweitens das Lukrieren von Einnahmen durch Radioworkshops, und damit ein neues finanzielles Standbein für den Sender. Letzteres gelang durch das breite Interesse von Organisationen, Schulen und Vereinen in Wien. Ersteres wurde mit einem Mix aus einem „peer to peer learning“, dem Angebot freiwilliger Wochenendworkshops, verpflichtenden Studio- und Medienrechtskursen zu beheben versucht. Besonders die „peer to peer“ Ausbildung hat am Anfang recht schlecht gegriffen, weil noch wenig Know-How unter den Radiomacher_innen verbreitet war und kaum Verbindlichkeiten geschaffen werden konnten. Ebenso schwierig war es, in den in internationalen Projekten ausgefeilten aber kostenlosen Kursen Verbindlichkeiten zu schaffen. Außerdem wurde bald klar, dass die extrem kurzen verpflichtenden Einschulungen nicht ausreichten um „on air“ ein störungsfreies Senden zu garantieren.

Medienpädagogik

Verständlichkeit, Verantwortung übernehmen, Etabliertes in Frage stellen – das, und andere, sind Eckpfeiler der Vermittlung im nach den Anfangsschwierigkeiten entwickelten Ausbildungsprogramm von ORANGE 94.0. In einem Freien Radio geht es darum, seine_ihre Anliegen verständlich zu artikulieren, für das Gesendete einzustehen und dann in avancierter Form darum, mediale Vorbilder zu hinterfragen. Um dies im Zusammenspiel mit dem Beherrschen der Technik im Rahmen der Ausbildungen zu erreichen, wurde seit 2005 an einem verpflichtenden medienpädagogischen Kurs für alle Neo-Radiomacher_innen bei ORANGE 94.0 gearbeitet – der Freie Radio Grundkurs. Darin sind alle wichtigen Fragen des Radiomachens in praktischer Form aufgelöst, abgelöst von kleinen reflexiven Einheiten.

Innovation

Mehrsprachig, schräg und anachronistisch sind wichtige medienpädagische Zugänge, die ein offenes Lernambiente für alle Radiointeressierten bieten. Die Kurse werden bei Bedarf in mehreren Sprachen gestaltet, das heißt, dass Menschen, die Sprache im Kurs und in den praktischen Übungen anwenden können, in der sie am Besten kommunizieren können. Darüber hinaus wird im Rahmen von Radio Babel an der Verwendung mehrerer Sprachen in einer Sendung methodisch gearbeitet. Bekannte Radioformate sollen unterlaufen werden, durch persönlichen Stil oder strukturelle Notwendigkeiten (live aus der Stadt mit nur einem Mikro). Seit Sendestart hält ORANGE 94.0 an anachronistisch langen Sendeformaten fest, um eines zu bieten, das die kurzlebige Medienlandschaft immer mehr verliert: Zeit.

Preise & Auszeichnungen

Community Medienarbeit hat in Österreich wohl noch immer nicht wirklich den gesellschaftlich anerkannten Rang erreicht wie in anderen Ländern. In Spanien herrscht beispielsweise die paradoxe Situation, dass Radios, die offiziell als illegal gelten, de facto aber nicht nur geduldet werden, sondern auch wichtige Förderungen bekommen und Preise gewinnen. Letzteres ist in Österreich auch der Fall – die nicht-kommerziellen Medien werden inzwischen gefördert, auf Grund ihrer Inhalte und medienpädagogischen Arbeit, nicht zuletzt deshalb, weil Sendungen aus den Freien Radio regelmäßig Preise gewinnen, wie den renommierten Radiopreis der Erwachsenenbildung. Seit ein paar Jahren stiften sie auch selbst Preise, wie Radio Z in Nürnberg den Alternativen Medienpreis. Beide Preise, und noch andere mehr, wurden von Radiomacher_innen von ORANGE 94.0 schon mehrfach gewonnen.

Frank Hagen

Galerie
Zum Nachhören
Radiopreis04: Radiobande
Der Radiopreis der Österr. Erwachsenenbildung in der Kategorie Information wurde 2004 der Radiogruppe Die Gfrasta und Betreuer Wolfgang Mory für die Sendung „Ist ‚6‘ gefährlich?“ im der Sendereihe RADIO-BANDe verliehen.
Preisverleih. Alternat. Medienpr
Für die am 15.5.2005 ausgestrahlte 24-stündige Dauerlesung „Ein Tag gegen die österreichische Staatslüge“ zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wurde 2006 Herby Loitsch mit dem Alternativen Medienpreis in Nürnberg ausgezeichnet.
Radiopreis07: Globale Dialoge
Der Radiopreis der Österr. Erwachsenenbildung in der Kategorie Kultur ging 2007 an Ulla Ebner für „Anacaona – eine Fußnote der kubanischen Musikgeschichte. Frauen-Combos im Kuba der 1930er“ im Rahmen der Sendereihe Globale Dialoge – Women on Air.
Alternativer Medienpreis 2011
2011 erging der Alternative Medienpreis an Aleksandra Kolodziejczyk für "Autonomie oder Prostitution. Die Zeitehe im Iran" im Rahmen der Sendereihe Globale Dialoge, Women on Air in Kooperation mit der Frauensolidarität.
Radiopreis10: Radiobande
Der Radiopreis der Österr. Erwachsenenbildung in der Sparte Sendungen von Kindern & Jugendlichen ging 2010 an die Beth Jakov-Schule sowie Evelyn Blumenau und Walter Kreuz/gecko-art für „Jüdische Städte – Jüdische Ge-schichte“/Wiener Radiobande.
Radiopreis05: Radio Stimme
Der Radiopreis der Österr. Erwachsenenbildung in der Kategorie Kurzsendungen wurde 2005 an Alexander Pollak für die Sendung „Das Gedenk-/Dank-/Gedanken-Jahr 2005“ im Rahmen der Sendereihe Radio Stimme verliehen.
Orangeade
Dies war eine Sendung mit einer bunten Mischung an kurzen Beiträgen aus den Wiener Jugendzentren. Zu hören gab es Lebensbetrachtungen von Jugendlichen und Interviews zu den verschiedensten Geschichten im Grätzel, von Kinder und Jugendlichen gestaltet.

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